Advertisement

TSG Chile



Der Geruchspegel: der Schlüssel zur Unterscheidung von Geruchsstoffminderung und Geruchsminderung (Ein Diskussionsbeitrag)

am . . Zugriffe: 2122

MPaduch   Die sprachliche Unterscheidung zwischen den Reizgrößen und den sensorischen Wirkungen ist sehr wichtig und verhindert Spekulationen, Irritationen und Fehlinterpretationen von olfaktometrischen Ergebnissen. Die Einführung des Geruchspegels als Bindeglied zwischen den olfaktorischen Reizen und ihren Wirkungen dient dazu, dieses Ziel zu erreichen.

Monika Paduch

Sekretärin der Arbeitsgruppen zum Thema Olfaktometrie im Verein Deutscher Ingenieure e.V., Düsseldorf, Deutschland, von 1980 bis 2007.

   Divergierende Interessen: Die Autorin hat erklärt, dass es keine divergierenden Interessen gibt.

   Wissenschaftlicher Herausgeber: Carlos N. Diaz

   Zitat: Paduch, M. (2017): Der Geruchspegel: der Schlüssel zur Unterscheidung von Geruchsstoffminderung und Geruchsminderung (Ein Diskussionsbeitrag). Olores.org 2017

   Copyright: 2017 olores.org.

   Schlagwörter: Olfaktometrie, Geruchsminderung, Geruchspegel, Geruchsstoffkonzentration, Terminologie

 

Zusammenfassung

   Nach Jahrzehnten angewandter Olfaktometrie wird es höchste Zeit, dass ein grundsätzliches Missverständnis ausgeräumt wird: Es ist eine klare Abgrenzung zu treffen zwischen Geruchsminderung und Geruchsstoffminderung. Der begriffliche Unterschied ist nicht nur eine geringfügige sprachliche Unterscheidung. Er betont die Beziehung zwischen Reiz (Geruchsstoffen) und Wirkung (Geruchsempfindungen), wobei der Geruchspegel das mathematische Bindeglied ist, mit dem die Fehlinterpretation von olfaktometrischen Ergebnissen und Grenzwerten vermieden werden soll. Er wird so Anfängern und Laien auf dem Gebiet der Olfaktometrie das Verständnis dafür vermitteln, warum sie Logarithmen und Dezibel verwenden müssen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, die Abgasreinigungsleistung zu bewerten, die zur Einhaltung einer festgelegten Intensitätsantwort erforderlich ist.

 

Einleitung

   Schon vor Jahrzehnten haben Wissenschaftler und Ingenieure im Umweltschutz begonnen, die Eigenschaften von Geruch zu quantifizieren, um Geruchsbelästigungen in der Nähe von Emissionsquellen zu vermeiden. Bei der Entwicklung von Messmethoden mit Hilfe von (ausgebildeten) Probanden wurde die Verdünnung der Emissionsprobe bis zur Geruchschwelle die anerkannte Grundlage zur Quantifizierung von „Geruch“. Während in einigen Ländern die Verdünnungszahl D/T (dilutions to threshold) und das Gesetz von Stevens über das Verhältnis von Reiz und Wirkung übernommen wurde, bevorzugten die europäischen Fachleute das Gesetz von Weber und Fechner. Es basiert auf dem gerade wahrnehmbaren Unterschied zwischen zwei Reizen (JND = just noticeable difference). Man führte die künstliche Dimension GEE/m³ ein (europäische Geruchseinheit pro Kubikmeter), nannte sie „Geruchs“konzentration und schuf so eine der Massenkonzentration vergleichbare Emissionsgröße.

   In Europa beträgt die Geruchsschwellenkonzentration (am Olfaktometerauslass) per Konvention 1 GE/m³. Das ist gerade genug, um den Geruchssinn zu stimulieren und eine Geruchswahrnehmung auszulösen. Die zugehörige Verdünnung, die am Olfaktometer eingestellt ist, wenn die Geruchsschwelle erreicht ist, stellt den Absolutwert der Konzentration an geruchsintensiven Stoffen (Geruchsstoffen) dar, die in 1 m³ der Originalprobe vorhanden sind. Da es keinen Apparat gibt, der als chemischer Sensor Probanden ersetzen könnte, misst man die Stärke des unverdünnten Reizes an der Emissionsquelle mit Hilfe eines Probenbeutels und des physiologischen Geruchssinns der Probanden.

   Obwohl dieser Beitrag die europäische Methodik als Grundlage zur Beurteilung einer Geruchssituation hat (siehe EN Normen und VDI-Richtlinien oder VDI-Standards), ist es einfach, die begrifflichen Empfehlungen auf andere olfaktometrische Methoden zu übertragen.

 

1. Geruch ist eine Empfindung

   Bezogen auf die in Europa angewendete Olfaktometrie (Weber-Fechner ) ist I die Geruchsintensität (Stärke der Geruchsempfindung), und c und c0 sind die Geruchsstoffkonzentration bzw. die Geruchsschwellenkonzentration.

   I = kW ∙ lg (cod/c0)                                                                   (1)

   Der Koeffizient kW ist ein Maß für die Steigung der Kurve (Funktion), die die typische und individuelle Beziehung zwischen der Geruchsintensität und der Geruchsstoffkonzentration einer definierten Quelle oder eines definierten Produktionsprozesses beschreibt (wie der olfaktometrische Fingerabdruck einer Emission). Im Gegensatz zu S.S. Stevens, der das Symbol I für die Reizintensität in Dezibel (!) verwendete, ist der Begriff Intensität in der europäischen Olfaktometrie der Psychophysik entlehnt und bezeichnet die Stärke einer Empfindung.

   In Deutschland wurde eine einfache Verbalskala für die Geruchsintensität gewählt [VDI 3882-1], um auch Probanden einsetzen zu können, die mit logarithmischen Skalen nicht vertraut sind und damit keine sensorische Größenordnung ausdrücken können. Die Abstände zwischen den Stufen werden als gleich groß angenommen.

TABELLE 1: Geruchsintensitätsantworten nach VDI 3882 Blatt 1

6

äußerst stark

5

sehr stark

4

stark

3

deutlich

2

schwach

1

sehr schwach

0

kein Geruch wahrnehmbar

   Obwohl die Intensitätsmessung manchmal für subjektiv gehalten wird, handelt es sich um eine objektive Methode im Anwendungsbereich und per Definition der Norm EN ISO 5492:2009 (Sensorische Prüfung; mehrsprachige Version). Die Intensitätsmessung zur Beschreibung der Stärke einer Geruchsempfindung bedient sich nur der physiologischen Eigenschaften der (ausgewählten und ausgebildeten) Probanden, genauso wie bei der Geruchsschwellenbestimmung. Die erforderliche Spontaneität der Intensitätsantwort beinhaltet keine persönlichen Überlegungen, sondern nur eine physiologische Reaktion. Natürlich ist diese Antwort physiologisch individuell, aber nicht notwendigerweise die psychologisch subjektive Interpretation einer Empfindung. Eine statistische Verarbeitung der natürlichen physiologischen Unterschiede ist grundsätzlich notwendig, um einen Bezugswert (Grenzwert) für die Bevölkerung zu ermitteln.

   Leider hat die Tatsache, dass Probanden und ihr Geruchssinn eingesetzt wurden und werden, um die Verdünnungen bis zur Geruchsschwelle zu bestimmen, zu der Fehlinterpretation geführt, dass es sich bei der sogenannten „Geruchs“konzentration bereits um die sensorische Wirkung handelt, die Rückschlüsse auf eine mögliche Geruchsbelästigung in der Nachbarschaft einer Emissionsquelle zulässt. Große Anstrengungen wurden besonders in Deutschland als einem dicht besiedelten Land unternommen, um jede Subjektivität bei der Beurteilung von Gerüchen zu vermeiden [verschiedene VDI-Richtlinien und Beiträge zu EN Normen].

   Aber die „Geruchs“konzentration ist nur die Quantifizierung der Reizgröße, nämlich die Geruchsstoffkonzentration. Der Dämpfungseffekt des menschlichen Geruchssinns gegenüber dem Reiz wurde und wird auch heute vielfach ignoriert.

   Dieses Hintergrundwissen macht es nicht nur erforderlich, die Interpretation von Geruchsstoffminderung (im Allgemeinen Geruchsminderung genannt) zu revidieren, sondern auch den erforderlichen Wirkungsgrad zur Einhaltung eines Grenzwerts und die zulässige Streubreite der Ergebnisse. Die folgenden Abschnitte dienen dazu, sich den Unterschied von Reiz und Wirkung klarzumachen und die Wichtigkeit zu erkennen, beides in der Terminologie zu differenzieren.

TABELLE 2 . Terminologische Unterscheidung der Größen und Eigenschaften von Reiz und Wirkung (Empfindung)

Reizgrößen (Stimuli = Geruchsstoffe)

Wirkungsgrößen (Empfindung = Geruch)

Quelle:
Geruchsstoffemission,
Geruchsstoffkonzentration cod,
Geruchsstoffstrom od ,
Geruchsstoffminderungsgrad (technischer Wirkungsgrad, Abscheidegrad) ηod
Atmosphäre:
Geruchsstoffausbreitung
(Geruchsstofffahne)
Einwirkungsbereich:
Geruchsstoffimmission
Geruchsstofffahne
Empfindungsschwelle:
Geruchswahrnehmung;
Geruchswahrnehmungshäufigkeit
Erkennungsschwelle:
Geruchserkennung (Identifizierung der Geruchsqualität und der zugehörigen Quelle)

Zeiten mit Geruchserkennung:
Geruchsstunde (dt. Definition),
Geruchsstundenhäufigkeit (deutsche Def.)

Stärke der Geruchsempfindung:
Geruchsintensitätsantwort (Verbalskala),
Geruchsintensität Iod,
Geruchspegel Lod´1),
Geruchspegelabstand ∆Lod,
Geruchsminderungsmaß („physiologischer Wirkungsgrad“) Dod 2)
 
Andere Geruchseigenschaften:
Hedonische Geruchswirkung (Angenehm-Unangenehm-Skala),
Geruchsqualität (Art des Geruchs)

1) Streng genommen ist der Geruchspegel nur die mathematisch umgeformte Geruchsstoffkonzentration, also ein Reiz. Der Begriff Geruchspegel wurde jedoch absichtlich gewählt, um eine Verbindung zwischen Reiz und Empfindung herzustellen und um in der Praxis den Wechsel von Konzentration zu Pegel zu erleichtern.

2) Dieser Begriff wurde analog zum akustischen Begriff „Schalldämmmaß, Reduktionsmaß“ und seiner Definition gewählt.

   Eine Intensitätsmessung im Anschluss an die Geruchsschwellenbestimmung am Olfaktometer ist nur ein geringer Aufwand an Zeit und Geld, wenn man bedenkt, welcher Informationsgewinn mit dieser überschwelligen Geruchsbewertung in Bezug auf die Charakterisierung und Minderung einer Industrieemission verbunden ist. Selbst wenn eines Tages die Geruchsintensität Iod nach Weber-Fechner berechnet werden sollte, bleiben die mathematischen Ergebnisse ohne Bedeutung, solange sie nicht mit der Geruchsintensitätsantwort der geschulten Probanden abgeglichen wird (siehe Tabelle 1).

 

 2. Der Geruchspegel Lod – das Bindeglied zwischen Reiz und Wirkung (Empfindung)

   In der Naturwissenschaft wird der Pegel L definiert als dimensionslose logarithmische Beziehung zwischen zwei Größen derselben Dimension (hier: lg (c/c0)), wobei der Nenner eine definierte Basisgröße ist (hier: 1 GEE/m³). Um die Werte als Logarithmen zu kennzeichnen und sie in eine brauchbare Größenordnung für Berechnungen zu übertragen, werden sie mit 10 multipliziert und erhalten die Bezeichnung Dezibel (dB). Dies ist keine Einheit (siehe Akustik und pH-Werte). Deshalb ist die Gewichtung der Ergebnisse (vgl. dB(A) in der Akustik; Maue, J.H.) auch keine notwendige Voraussetzung für die Verwendung von Dezibel in der Olfaktometrie.

   Zurzeit wird die Geruchsstoffkonzentration („Geruchs“konzentration) in Europa statistisch auf der Ebene des dekadischen Logarithmus‘ verarbeitet. Das erfordert mehrere Schritte vom Numerus zum Logarithmus und zurück zum Numerus. Die Logik dieses Vorgehens lässt auf den ersten Blick zu wünschen übrig, weil die Auswertung anderer Schadstoffkonzentrationen diese mathematischen Umwege nicht benötigt. Die Statistik auf der logarithmischen Ebene ist maßgeschneidert für die Auswertung des Geruchspegels Lod. Was man bei der Angabe der Messergebnisse von Geruchsstoffkonzentrationen („Geruchs“konzentrationen; siehe Tabelle 3) mindestens braucht, ist die gleichzeitige Darstellung der Geruchsstoffkonzentration cod und des zugehörigen Geruchspegels
Lod = 10 lg cod [dB]. Während cod die Größe des Geruchsreizes darstellt, spiegelt Lod die Dämpfung wider, die bei der Übertragung vom Reiz zur Wirkung stattfindet, und ist so das Bindeglied zur zugehörigen Empfindungsstärke dieses Reizes (siehe Gleichung (1)).

   Bisher bezieht sich dieser Pegel nur auf die Geruchsschwelle. Wenn der Pegel mit der Geruchsintensität I verknüpft wird, könnte der Koeffizient kW eine entscheidende Rolle spielen (Fingerabdruck einer Quelle), je nach Anlage und deren typischem Geruch und der sich daraus ergebenden Geruchsintensitätsantwort (siehe auch Abschnitt 3 und 4).

TABELLE 3. Übertragung der Geruchsstoffkonzentration cod in den Geruchspegel Lod (Beispiele)

Geruchsstoffkonzentration cod,
in GEE/m³

Geruchsstoffkonzentration cod als Exponent,
in GEE/m³

Geruchspegel Lod,
in Dezibel (dBod)

1

100

0

10

101

10

100

102

20

360

102,56

25,6

500

102,7

27

800

102,9

29

1.724

103,236

32,4

13.476

104,129

41,3

50.000

104,7

47

673.592

105,828

58,3

1.000.000

106

60

 

3. Erkennen von falschen Versprechungen und Hoffnungen bezüglich Geruchsminderung

   Angesichts der Angabe von Ergebnissen in GEE/m³ besteht die unwiderstehliche Versuchung, die Beziehung zwischen Reiz und Wirkung für proportional zu halten, genau wie bei anderen Emissionskonzentrationen (z.B. Massenkonzentration pro Kubikmeter), die in der Emissionsminderung herangezogen werden. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Interpretation der für die Olfaktometrie verwendeten Statistik falsch ist.

Beispiel 1

   Die Verwaltung des Landes X legt die Emissionsgrenze für geruchsintensive Stoffe auf 100 GEE/m³ und erlaubt eine Abweichung von 3 % vom berechneten Mittelwert (Numerus des geometrischen Mittelwerts der Logarithmen – das ist bekannt), so dass eine Emissionskonzentration von 104 GEE/m³ eine Grenzwertüberschreitung wäre. Einige Jahre später entschied man sich, den Grenzwert auf 300 GEE/m³ zu setzen, so dass 310 GE E/m³ für eine unzulässige Emissionskonzentration gehalten wurde.

   Irrtum: Der zugrunde liegende Logarithmus der Reiz-Wirkungs-Funktion wird ignoriert, und die berechnete Streuung der Ergebnisse um den Grenzwert ist in der Praxis völlig unangemessen. Dieser Irrtum beeinträchtigt insbesondere die angemessene Beurteilung des Wirkungsgrads von biologischen Abgasreinigungseinrichtungen.

   Beweis für den Irrtum: Bieten Sie einer Gruppe Probanden die unverdünnten überschwelligen Konzentrationen von 100 GEE/m³ oder 300 GE E/m³ an und anschließend die Konzentrationen 104 GEE /m³ bzw. 310 GEE/m³. Werden die Probanden einen Unterschied in der Empfindungsstärke zwischen 100 GEE/m³ und 104 GEE /m³ oder aber zwischen 300 GEE/m³ und 310 GEE/m³ feststellen? Nein. Ist die Streubreite (hier: obere Vertrauensgrenze) geeignet, eine Entscheidung über die Nichteinhaltung eines geltenden Grenzwerts zu treffen? Nein. Es ist reine Theorie, weil der Fokus immer noch auf dem Reiz und seiner statistischen Auswertung liegt anstatt auf der resultierenden Wirkung, d.h. auf einer wahrnehmbaren Veränderung der Geruchsintensität vom Mittelwert zur oberen Vertrauensgrenze.

   Wenn Firmen 50.000 € oder mehr investieren oder ihren Betrieb sogar schließen müssen, weil für die Ermittlung der zulässigen Streubereite des Grenzwerts in GEE/m³ (unabhängig von der Höhe des Grenzwerts) falsche Berechnungen angestellt werden, ist es notwendig, sie vor dieser ökonomischen Katastrophe zu schützen, indem man bezüglich der Terminologie präzise und unmissverständlich ist und auch Normen zur Olfaktometrie entsprechend formuliert.

Beispiel 2

   Gegeben sei der Verkäufer einer Geruchsminderungseinrichtung, die eine „Geruchs“minderung von 99 % erzielt. Was erwartet der Kunde? Eine Anlage, die den „Geruch“ aus seinem Betrieb auf einen Wert nahe Null reduziert. Wenn man die Roh- und Reingaskonzentration einer Quelle in GEE/m³ miteinander vergleicht (z.B. 500.000 GEE/m³ und 5.000 GEE/m³), was mathematisch korrekt die Geruchsstoffminderung ist, entspricht die verbleibende Reingaskonzentration möglicherweise ganz und gar nicht den Anforderungen an die notwendige Geruchsminderung für die Umgebung.

   Hier ist der zugrunde liegende Fehler wieder offensichtlich. Besondere Skepsis ist angebracht, wenn in der Olfaktometrie mit Prozentsätzen gearbeitet wird. Obwohl er von einer Geruchsminderung von 99 % spricht, meint der Verkäufer wahrscheinlich „Minderung der Geruchsstoffkonzentration“ (Reizstärke), weil er eine andere Garantie nicht geben kann. Für den Kunden bedeutet die Aussage „Minderung der wahrnehmbaren Geruchsintensität“ aus seiner Quelle (Stärke der Wirkung). Missverständnisse wie dieses unterstreichen die Bedeutung einer präzisen Terminologie.

 

4. Festlegung angemessener Grenzwerte

   In Anbetracht der Tatsache, dass die Minderung der Geruchsempfindung (Geruchsintensität) das eigentliche Ziel der Emissionsminderung ist, und unter der Berücksichtigung, dass die Beziehung zwischen Reiz und Wirkung logarithmisch ist, muss man die sensorische Wirksamkeit der Reizminderung noch einmal näher betrachten im Hinblick auf angemessene Maßnahmen zur Emissionskontrolle.

   Besonders die Interpretation des „Fingerabdrucks“ einer definierten Quelle mit Hilfe der Intensitätsfunktion ermöglicht den Vergleich der Minderung der Geruchsstoffkonzentration und des Geruchspegels mit der resultierenden Geruchsintensitätsstufe. Damit wird die Steigung kW (Weber-Fechner-Koeffizient) und auch der Bereich der Konzentrationen und Pegel offensichtlich, die zu derselben Intensitätsantwort führen. Demzufolge wäre jede Abgasreinigungsmaßnahme wohl Geldverschwendung, wenn die Reingaskonzentration lediglich dieselbe Intensitätsantwort erzielt wie die Rohgaskonzentration.

Paduch

Bild 1 . Prinzipskizze der Geruchsintensität Iod als Funktion der Geruchsstoffkonzentration cod und des Geruchspegels Lod

   Diese neuen Aspekte zur Beurteilung einer Geruchsstoffquelle müssen hinsichtlich der Kriterien überdacht werden, die bisher angewendet wurden, und hinsichtlich der Übertragbarkeit von Kriterien aus anderen Bereichen der Wissenschaft. Um sicherzugehen, dass alle Leser von demselben Konzept der definierten Parameter ausgehen, sind nachstehend diejenigen dargestellt, die den folgenden Interpretationen zugrunde liegen:

Leistungsfähigkeit einer Abgasreinigungseinrichtung

  Differenz zwischen Rohgas- und Reingaskonzentration croh und crein

   ∆c = crohcrein                                                           (2)

Technischer Wirkungsgrad ɳod der Abgasreinigungseinrichtung

   Der technische Wirkungsgrad ist das Verhältnis von Nutzen der Anlage (Reduzierung der Emissionskonzentration) zur ursprünglichen Rohgaskonzentration.

   ɳod = (∆c / croh) = (crohcrein) / croh                            (3)

   Im Gegensatz dazu ist der Restemissionsgrad das Verhältnis von Reingaskonzentration zu Rohgaskonzentration (crein / croh). Diese Größe darf nicht mit dem Wirkungsgrad eines Prozesses verwechselt werden.

Geruchsminderungsmaß Dod (Verhältnis von Pegelabstand zu Rohgaspegel)

   Diese Größe soll das Äquivalent des technischen Wirkungsgrads ɳod auf der Empfindungsebene sein, in Analogie zum Dämpfungsfaktor von Übertragungssystemen. Das physiologische Übertragungssystem sind elektrische Impulse.

   Dod = (∆L / Lroh) = (LrohLrein) / Lroh                           (4)

   Tabelle 4 enthält einige rechnerische Experimente, mit denen gezeigt wird, was passiert, wenn Reizgrößen oder die zugehörigen Geruchspegel und ihr Verhältnis als Grenzwerte verwendet werden.

TABELLE 4. Theoretische Beispiele für Emissionsminderungskriterien

Annahmen:
Grenzwert 1: Die maximale Emissionskonzentration an Geruchsstoffen (sogenannte „Geruchs“konzentration) sei cod, max = 500 GEE/m³, der zugehörige maximale Geruchspegel ist 27 dBod,
Grenzwert 2: Der minimale technische Wirkungsgrad einer Abgasreinigungsanlage sei ηod,min = 95 %,
Grenzwert 3: Der minimale Geruchsminderungsgrad, den die AGR-Anlage erzielen soll, sei Dod = 0,4.

croh

in GE E /m³

crein

in GEE/m³

ηod

in %

Lod,roh

in dBod

L od,rein

in dB od

Dod

Grenze 1: cod,max

eingehalten?

Grenze 2: ηod,min

eingehalten?

Grenze 3: Dod

eingehalten?

500.000

500.000

5000

1000

99

99,8

57

57

37

30

0,35

0,47

nein

nein

ja

ja

nein

ja

100.000

100.000

5000

500

95

99,5

50

50

37

27

0,26

0,46

nein

ja

ja

ja

nein

ja

10.000

10.000

1000

500

90

95

40

40

30

27

0,25

0,33

nein

ja

nein

ja

ja

ja

6000

6000

600

450

90

92,5

37,8

37,8

27,8

26,5

0,26

0,30

nein

ja

nein

nein

ja

ja

1200

1200

800

380

33

68

30,8

30,8

29

25,8

0,06

0,20

nein

ja

nein

nein

ja

ja

 

   Mit den Grenzwerten lassen sich verschiedene Ausmaße an Emissionsminderung erzielen. Es muss entschieden werden, was das Ziel der Emissionsminderung sein soll. Was ist näher an einer erheblichen Geruchsbelästigung – der Reiz oder die Wirkung? Welches Kriterium / welche Kriterien müssen in Zukunft die Geruchsstoffemissionen als erste Maßnahme gegen erhebliche Geruchsbelästigung begrenzen?

 

5. Schlussfolgerungen

   Es sei daran erinnert, dass keine Geruchsmess-, Berechnungs- oder Bewertungsmethode eine bessere Auflösung haben muss als der menschliche Geruchssinn. Alles andere würde eine Genauigkeit nur vortäuschen.

  • Die derzeitigen Methoden sind auf logische Diskrepanzen und fehlende terminologische Genauigkeit zu prüfen.
  • Es ist zu berücksichtigen, dass die Geruchsstoffkonzentration und der zugehörige Geruchspegel Werte sind, die sich auf die Quelle beziehen, nicht auf die Menge, die nach Ausbreitung / Verdünnung und Immission in der Nachbarschaft übrigbleibt.
  • Es ist zu überlegen, ob ein Bagatellkriterium für eine zusätzliche Emissionsminderung eingeführt werden sollte, damit kleine Anlagen nicht schließen oder ihren Standort verlagern müssen.
  • Der Ermessensspielraum der Genehmigungsbehörden und die Beachtung der Verhältnismäßigkeit der Mittel sollten verbessert werden. Zu diesem Zweck sollte eine Zentralstelle eingerichtet werden, wo Informationen über reale Einzelfälle von Geruchsminderung gesammelt und analysiert/charakterisiert werden. Die kosten der erreichten Verbesserung sollten ebenfalls offengelegt werden (Verhältnismäßigkeit der Mittel).
  • Es ist zu prüfen, welche Vorteile der Geruchspegel in Dezibel für die Ausbreitungsrechnung von Geruchsstoffen und die Charakterisierung von Vielquellengebieten haben können.
  • Man sollte nicht vergessen, dass Geruchsstoffminderung und Geruchsminderung nicht zum Ziel haben, schwere Gesundheitsschäden zu vermeiden, sondern „nur“ Belästigung, insbesondere erhebliche Belästigung.

 

6. Quellen

   EN ISO 5492: Sensory analysis - Vocabulary (ISO 5492:2008), plus Amendment 1 (2017)

   DIN EN 13725 (2003-07) Luftbeschaffenheit - Bestimmung der Geruchsstoffkonzentration mit dynamischer Olfaktometrie; Deutsche Fassung EN 13725:2003; (+Berichtigung 1:2006-04); Berlin, Beuth Verlag

   DIN EN 16841-1 (2017-03) Außenluft - Bestimmung von Geruchsstoffimmissionen durch Begehungen - Teil 1: Rastermessung; Deutsche Fassung EN 16841-1:2016; Berlin, Beuth Verlag (ersetzt demnächst VDI 3940-1)

   DIN EN 16841-2 (2016) Außenluft - Bestimmung von Geruchsstoffimmissionen durch Begehungen - Teil 2: Fahnenmessung; Deutsche Fassung EN 16841-2:2016; Berlin, Beuth Verlag (ersetzt demnächst VDI 3940-2)

   Maue, J.H.: 0 Dezibel + 0 Dezibel = 3 Dezibel. Berlin, Erich Schmidt Verlag, 2009

   Stevens, S.S.: Cross-modality validation of subjective scales for loudness, vibration and electric shock. Journal of Experimental Psychology, Vol. 57 No. 4, April 1959, pp. 201-209

   VDI 3882-1 (1992): Olfaktometrie – Bestimmung der Geruchsintensität (+ Berichtigung 1992); (Gültigkeit bestätigt 2015-04); zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

   VDI 3882-2 (1994): Olfaktometrie – Bestimmung der hedonischen Geruchswirkung (Gültigkeit bestätigt 2015-04); zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

   VDI 3883-1 (2015): Wirkung und Bewertung von Gerüchen – Erfassung der Geruchsbelästigung – Fragebogentechnik (Gültigkeit bestätigt 2015-04); zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

   VDI 3883-2 (1993): Wirkung und Bewertung von Gerüchen; Ermittlung von Belästigungsparametern durch Befragungen; Wiederholte Kurzbefragung von ortsansässigen Probanden (Gültigkeit bestätigt 2015-04); zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

   VDI 3883-3 (2014): Wirkung und Bewertung von Gerüchen - Konfliktmanagement im Immissionsschutz - Grundlagen und Anwendung am Beispiel von Gerüchen; zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

   VDI 3940-1 (2006) wird demnächst zurückgezogen und durch DIN EN 16841-1 ersetzt (s.o.)

   VDI 3940-2 (2006) wird demnächst zurückgezogen und durch DIN EN 16841-2 ersetzt (s.o.)

   VDI 3940-4 (2010): Bestimmung der hedonischen Geruchswirkung – Polaritätsprofile (Gültigkeit bestätigt 2015-04); zweisprachig d/e. Berlin, Beuth Verlag

 


Monika Paduch.redimensionado   Monika Paduch was born in Germany on 3rd Oct., 1948. After finishing school in 1967 (A-level; SAT-exam), she had professional educations to work for several years as a multilingual secretary (English, French, office administration) in various industrial areas. In 1975, she decided to start studying design engineering at the University for Applied Sciences in Cologne, and finished studies with a diploma in 1980. After that, she was an academic staff member of the Commission on Air Pollution Prevention of VDI (Association of German Engineers) and DIN (German Standardization Institute). Her main task was that of a secretary to working groups specialized in odour emission, odour measurement and assessment as well as odour abatement by biological waste gas cleaning methods. She is no longer involved with odour issues as she retired in 2008. However, she attended the last Conference of the German Association of Engineering in Karlsruhe. When asked about her presence in that conference being already retired she replied "you know what?, I am just addicted to odours ;-)".

Bewertung insgesamt (0)

0 von 5 Sternen
  • Keine Kommentare gefunden
Kommentar hinzufügen